arrow-leftarrow-rightclosecontrastdownloadeasy-languagefacebookinstagramlogo-spe-kleinmailmenueMinusPlusprintsearchsoundtarget-blankTwitteryoutube
Inhaltsbereich
13.01.2019

Erika Woisin (1929-2018) – ein Nachruf

Sie war eine kämpferische Frau, eine sympathische Frau, eine Sozialdemokratin.

Im Distrikt Langenhorn-Nord war sie politisch zu Hause, hier hatte sie die nötige Unterstützung für ihren fachlich-politischen Schwerpunkt, die Schulpolitik.

Nach ihrer achtjährigen Schulzeit in Selmsdorf vor den Toren Lübecks erlebte sie die deutsche Teilung sehr unmittelbar: Selmsdorf war der erste Ort jenseits der Zonengrenze. Zwar konnte sie in ihrer Lehrzeit ihren Ausbildungsort in Lübeck noch mit dem Fahrrad erreichen, doch die Schatten der Teilung fielen schon bald auf das Leben der jungen Frau.

Sie erlernte den Beruf der Schneiderin und damit auch handwerkliche Fähigkeiten, die sie später als Mutter dreier Söhne in den Familienalltag einbringen konnte.

Die Familie Woisin lebte lange in Hamburg in der Barmbeker Straße. Hier gingen ihre Söhne zur Schule, und Erika Woisin engagierte sich schnell als Elternvertreterin. Sie gründete bald den Hamburger Elternverein, dessen Vorsitzende sie viele Jahre war. Ihr Wort hatte Gewicht in der Hamburger Schulpolitik, und so war es nicht verwunderlich, dass sie in den 1990er Jahren für zwei Legislaturperioden in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt wurde.

Sie kämpfte für gerechte Verhältnisse in der Hamburger Schulszene, gegen die Benachteiligung von Kindern aus Familien, in denen akademische Schulabschlüsse traditionell nicht auf der Tagesordnung standen. Das Wohl der Kinder war immer das Ziel ihres Einsatzes, unabhängig davon, aus welcher sozialen Schicht sie kamen.

Die Schulform der Gesamtschule schien ihr am besten geeignet, um dieses Ziel zu erreichen. Deshalb hat sie mit großer Energie die Einrichtung von Gesamtschulen in Hamburg begleitet, auch in Langenhorn, dem Stadtteil, dem sie sich auch nach ihrem Umzug in die Essener Straße verbunden fühlte. Die Schulstandorte Am Heidberg, am Foorthkamp und die „Fritze“, die Fritz-Schumacher-Schule, lagen ihr dabei besonders am Herzen. Die Schule am Grellkamp war ihr größtes Sorgenkind, und sie hat deren Entwicklung bis in ihr hohes Alter hinein mit aller Kraft versucht zu befördern. Mit der Schließung dieses Schulstandortes konnte sie sich nicht abfinden.

Immer, wenn es darum ging, finanzielle Mittel für neue Fach- und Klassenräume zu erstreiten, war Erika Woisin zur Stelle. Die Ausstattung der Langenhorner Schulen, wie sie sich heute präsentieren können, ging immer auch auf ihren Einsatz zurück. Die Schulleitungen dieser Schulen konnten über Jahrzehnte hinweg bestätigen, dass ihre Entwicklung ohne den Einsatz dieser Langenhorner Abgeordneten nicht möglich gewesen wäre.

Sie war die „Erfinderin“ der „Verlässlichen Halbtagsgrundschule“. Sie hatte mit großem Befremden registriert, dass Grundschulkinder sich, je nach Stundenplan und besonders bei krankheitsbedingten Ausfällen von Lehrkräften, sehr früh am Vormittag ohne irgendeine verlässliche Betreuung auf den Weg von ihrer Schule nach Hause begeben mussten. Dieser Missstand konnte nicht hingenommen werden. Dafür mussten Geldmittel bereitgestellt werden, die angesichts knapper öffentlicher Kassen nur schwer zu bekommen waren. Hinzu kam politischer Druck, der von bestimmten Elterngruppen z.B. in den Elbvororten entfaltet wurde. Sie waren dagegen, dass Kinder „wie in Käfigen“ in der Grundschule festgehalten werden sollten. Erika Woisin hat sich heftige persönliche Angriffe gefallen lassen müssen, aber sie hat sich auch in dieser Frage schließlich durchgesetzt und eine für die betroffenen Kinder segensreiche Lösung erreicht.

Sie war bis an ihr Lebensende gegen die Zweigliedrigkeit der Schulen im "Zweisäulenmodell", das Stadtteilschule und Gymnasium vorsieht. Sie wollte eine Schule für alle Kinder und war davon überzeugt, dass eine kluge Schulverwaltung so etwas auch organisieren können müsste. In vergleichbaren anderen Ländern in Europa finden sich Modelle dafür, insbesondere in Skandinavien. Sie hätte bis heute weiter gekämpft für dieses Ziel, doch mit 89 Lebensjahren sind der politischen Wirksamkeit erkennbare Grenzen gesetzt.

Als wir am Anfang dieser Woche Abschied nahmen von dieser großartigen Frau, waren viele ihrer politischen Wegbegleiter noch einmal da: ehemalige Bürgermeister, Schul- und Sozialsenatoren, Abgeordnete aus der Bürgerschaft, natürlich auch Mitstreiter aus Langenhorn. Sie wird uns allen fehlen.